Das Leben ist nicht fair. Das merken junge Mütter spätestens in der Rückbildungsgymnastik. Da gibt es dann nämlich die große Gruppe schon wieder ziemlich fit aussehender Frauen, die ihre zufrieden schnullernden Babys einfach auf einer Isomatte ablegen, eine Stunde konzentriert an ihrem Beckenboden arbeiten und das Kleine danach in den Kinderwagen packen und nach Hause fahren. Sie sagen Dinge wie: „So ein Rhythmus spielt sich doch von ganz allein ein.“ Oder: „Wenn Clara erst einmal schläft, dann schläft sie.“ Das ist ganz schön bitter für die, bei denen das eben nicht so klappt: Die keine Übung in Ruhe machen können, weil das Baby ohne Körperkontakt sofort infernalisch zu brüllen beginnt. Und sich auch nur von Mama beruhigend lässt. Weshalb die die Stunde tragend und stillend verbringt. Wie eigentlich alle anderen Stunden des Tages auch.

Ein schwerer Start

Da kann man sich schon fragen: Was hab ich falsch gemacht, dass es bei uns so viel schwerer ist? Ehrliche Antwort: Gar nichts. Ob Babys viel oder nicht ganz so viel Nähe brauchen, ob sie lieber seltener und länger oder öfter und kürzer trinken, ob sie leicht oder schwer in den Schlaf finden – all das hat nichts mit „Erziehung“ zu tun. Zwar ist die Ursache dafür, dass manche Babys schwieriger sind als andere, noch nicht genau erforscht. Es deutet jedoch viel darauf hin, dass diese besondere Sensibilität schlicht Veranlagung ist, oft noch kombiniert mit anderen belastenden Faktoren: Einem Notkaiserschnitt zum Beispiel, oder einem schweren Wochenbett mit Stillproblemen, Schmerzen und schlechter Beratung. „24-Stunden-Babys“, nennt der amerikanische Kinderarzt William Sears solche Kinder liebevoll, weil sie im Grunde nichts anderes sind als Babys, die rund um die Uhr besonders starke Bedürfnisse haben – und diese auch lautstark anmelden.

 

Die Eltern besonders anspruchsvoller Babys haben nichts falsch gemacht. Sie haben ihr Kleines weder verwöhnt noch verzärtelt noch sonst irgendwie dafür gesorgt, dass ihr Kind bedürftiger ist als andere.

Immer in Aktion

Erkennungsmerkmale: Sie reagieren extrem empfindlich,  zum Beispiel auf Lautstärke oder Hektik. Sie wirken auf die Eltern oft fordernd und sehr beharrlich – als würden sie, wenn sie sich erst mal etwas in den Kopf gesetzt haben, um keinen Preis der Welt davon ablassen. Sie wollen oft sehr häufig gestillt werden und am liebsten immer auf den Arm sein. Außerdem sind viele 24-Stunden-Babys richtige Action-Babys: Sie haben meist eine angespannte Körperhaltung, gucken ständig suchend hin und her, sind oft geradezu gierig nach „Programm“, nach Bewegung und Ablenkung und übergehen dabei oft selbst ihre eigene Reizschwelle. Die Folge: Schreistunden, in denen sie nur schwer wieder runter kommen.

Für sich und das Baby sorgen

Was hilft den Kindern und den Eltern? Da gibt es kein Patentrezept, nur Erfahrungen, was anderen Betroffenen geholfen hat: Aufzuhören, das eigene Kind mit anderen zu vergleichen, zum Beispiel. Immer zu schlafen, wenn das Baby schläft. Eine Haushaltshilfe einstellen, dass zumindest der Berg schon mal abgearbeitet ist. Als stillende Mutter nachts in einem anderen Zimmer als das Baby schlafen und es zum Stillen bringen lassen – riechen die Kleinen die Milch nicht, kommen sie oft seltener. Die Zeiten, in denen das Kind gut drauf ist, nicht für anderes nutzen, sondern ganz bewusst mit dem Kind genießen – und sich diese Situationen in schlimmen Stunden ins Gedächtnis rufen. Aufgabenverteilung, zumindest am Wochenende: Jetzt ist mal Papa dran, und Mama geht allein ins Schwimmbad. Pucken. Mit Staubsauger oder Fön „weißen Lärm“ machen. Viel rausgehen. Das Kind früh an eine weitere Betreuungsperson gewöhnen, die es mal stundenweise übernehmen kann. Sich selbst kleine Belohnungen versprechen: Wenn ich die nächsten drei Tage geschafft habe, gönne ich mir diese sündhaft teuren Super-Stiefel. Unbedingt einhalten!!!

Alles wird gut

Tröstlich: Schwierige Babys brauchen oft ein bisschen länger, um auf der Welt anzukommen. Aber sind sie erst mal da, erinnert in den allermeisten Fällen nichts mehr an die Startschwierigkeiten. Bei etwa 80% der Kinder ist das schon nach drei Monaten der Fall, bei vielen anderen kommt die Wende, wenn sie mobil werden. Oft erscheinen dann die bislang als eher anstrengend empfundenen Charakterzüge in einem neuen Licht. Und die Eltern staunen: Wie hartnäckig es das Stehen übt! Wie viel Spaß es daran hat, mit seinen ersten Worten zu kommunizieren und zu merken, dass man auch dadurch Nähe herstellen kann! In die Erschöpfung mischt sich Stolz: Auf dieses tolle Kind. Und darauf, die ersten harten Monate mit viel Liebe und Geduld zusammen überstanden zu haben.

Dieser Text erschien erstmals 2008 in der Zeitschrift ELTERN.

Bild: Herzog Fotografie – vielen Dank.