Nora Imlau und ihre Töchter

Was hilft gegen Schlaflernprogramme?

Als ich das erste Mal die Anleitung für ein so genanntes Schlaflernprogramm las, wurde mir schlecht. So schlecht, dass ich mich fast übergeben musste – und damals hatte ich noch nicht einmal ein Kind. Aber allein die Beschreibung, wie man das Kleine wieder und wieder weinend in seinem Bettchen zurücklassen und sein Flehen nach Nähe ignorieren solle, bescherte mir schlimmste Magenschmerzen und eine zugeschnürte Kehle.

(Bildnachweis: germanbrina/photocase.com)

Und ich war froh und dankbar, im Netz auf Alternativen zu solchen rigiden Schlaflernplänen zu stoßen. Meine beiden Töchter wurden dann Familienbettbabys, die ich niemals auch nur eine Minute bewusst schreien ließ – und ich bin mir sicher, ich bewege mich da bei meinen Leserinnen und Lesern in bester Gesellschaft. Babys und Kleinkinder nicht zu „Ferbern“, wie das Anwenden von Schlaflernprogrammen in kritischer Bezugnahme auf deren Erfinder Dr. Ferber häufig genannt wird, gehört für viele Eltern heute zu einem Selbstverständnis, auf das sie stolz sind. Wir sind die Guten! Wir lassen unsere Kinder nicht schreien!

Ich kann das verstehen. Ich kenne solche Gefühle auch. Und trotzdem beobachte ich mit einer gewissen Sorge den Trend, Eltern mit abschreckenden Texten und Videos von der Schlechtigkeit solcher Programme überzeugen zu wollen. Versteht mich nicht falsch: Ich habe selbst schon Artikel geschrieben, in denen ich auf die Gefahren von Schlaflernprogrammen hinwies. Und in jedem meiner Bücher steht ausführlich nachzulesen, warum ich vom so genannten kontrollierten Schreienlassen abrate. Ich zähle da ganz sachlich auf, warum Schlaflernprogramme bescheuert sind: Weil sie ein natürliches, altersangemessenes Verhalten als Störung definieren. Weil sie die Tatsache ignorieren, dass kleine Kinder kein Zeitgefühl haben. Weil sie großen Schmerz bedeuten und Verlassensängste heraufbeschwören können, die bis ins Erwachsenenalter nachwirken.

Ich kläre also auf, aber ich verurteile nicht. Ich gebe Eltern Entscheidungshilfen an die Hand, lege ihnen Alternativen dar, stelle meinen Standpunkt klar. Aber ich gebe ihnen nicht das Gefühl, schlechte Eltern zu sein, wenn sie ein Schlaflernprogramm in Erwägung ziehen.

Viele Menschen glauben, diese eher nüchterne Art der Aufklärung über Schlaflernprogramme reiche nicht aus. Man müsse die Menschen mitten ins Herz treffen, wie zum Beispiel mit diesem Video.
Ich verstehe die Intention dahinter, und auch die Beweggründe derer, die dieses Video fleißig teilen. Sie wollen diese Welt zu einem besseren Ort machen, an dem weniger Babys schreien müssen. Schon klar. Ich habe nur meine Zweifel, ob das so funktioniert.

Denn auch wenn es lauter Menschen berührt, die ihre Babys sowieso niemals schreien lassen würden – die Argumentationslinie darin ist eher fragwürdig. Schließlich wissen wir alle, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Dass sie andere Bedürfnisse haben, und andere Verhaltensweisen. Von Natur aus. Kein Erwachsener würde einfach so mal anderthalb Stunden schreien, selbst wenn er beständig Trost erhält. Babys tun das durchaus mal. Viele Erwachsene haben beim Schlafen gerne Platz und würden in einem Pucksack Angstzustände kriegen. Babys hingegen lieben Enge und Geborgenheit. Viele große Leute sagen, sie würden lieber in einem bequemen Kinderwagen liegen, als auf einen Rücken gebunden zu werden. Das sagt aber nichts darüber aus, wo sich Babys am wohlsten fühlen. Ich könnte diese Liste ewig fortführen. Es ist einfach so: Babys sind Babys, und Erwachsene sind Erwachsene. Und wie sich ein nachgespieltes Schlaflernprogramm für einen Erwachsenen anfühlt, sagt nichts darüber, wie es einem Baby dabei geht, das vielleicht mehr Training im Schreien hat, dafür aber kaum Selbstregulationsfähigkeiten und kein Zeitgefühl. Genau deshalb trifft so ein Video aber glaube ich die, die es erreichen soll, NICHT mitten ins Herz. Weil sie – zu Recht! – sagen: Das kann man doch gar nicht vergleichen!

Dazu kommt, dass viele Eltern äußerst empfindlich darauf reagieren, wenn andere Eltern ihnen ein schlechtes Gewissen machen wollen. Vor allem, wenn sie dabei von so einer scheinbar moralisch überlegenen Warte aus argumentieren: Also ich hätte bei meinem Kind ja niemals …
Was meint Ihr, wie viele wohlmeinende und ehrlich besorgte Krabbelgruppenmütter mir irgendwelche Anti-Impf-Pamphlete überreicht haben, als sie mitbekamen, dass meine Babys durchgeimpft werden? Ich habe auch schon Artikel zu den angeblichen Schäden früher Betreuung in meinem Briefkasten gefunden, und Flugblätter, die mir erklärten, wie schade es für meine Kinder sei, dass ich sie nicht vegan ernähre. Deswegen kann ich Euch aus eigener Erfahrung berichten: Solche ungebetenen Einmischungen fühlen sich unangenehm und übergriffig an. So, als traue man mir nicht zu, gute Entscheidungen für mich und meine Kinder zu treffen. Keine gute Basis, um mich zu überzeugen.

Ich bin mir deshalb sicher: Weder mit anklagenden Flugblättern noch mit dezent zur Geburt verschenkten „Schlafen und Wachen“-Ausgaben noch mit moralisch aufgeladenen Videos werden Eltern vom Ferbern abgehalten. Wie dann?

Ich glaube: Durch echte Anteilnahme. Wenn mir eine Mutter erzählt, dass sie jetzt auch bald mal so ein Schlaflernprogramm anwenden will, sage ich zuallererst: „Du musst wirklich sehr erschöpft sein. Das verstehe ich gut. Es IST ja auch wahnsinnig anstrengend mit so einem kleinen Baby.“ Und dann halte ich die Klappe und lasse die Mama erzählen. Von dem Baby und den Nächten und dem unfassbar anstrengenden Dauerstillen in den frühen Morgenstunden. Und dann sage ich vielleicht, dass es mir damals geholfen hat, nachts einfach nicht mehr auf die Uhr zu gucken. Und dass ich es praktisch fand, nachts nicht aufstehen zu müssen, weil meine Mädchen ja direkt neben mir schliefen. Meistens aber sage ich einfach: „Wenn du magst, nehme ich mal dein Baby, und du kannst schlafen.“ Denn das, so glaube ich, ist der beste Schutz vor Schlaflernprogrammen, den es geben kann.

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6 Kommentare zu “Was hilft gegen Schlaflernprogramme?”

  1. halitha sagt:

    ein guter text.
    ich denke jedoch, dass die, die von schlaflernprogrammen überzeugt sind, diese auch durchführen, egal welche gegenargumente sie wie auch immer serviert bekommen.
    und dass die, die dagegen sind, eben auch bei ihrer ansicht beliebn und sich dann bestätigt fühlen.
    aber die, die zweifeln und nicht wissen, wie sie die situation meistern sollen, denen _kann_ so ein buch wie schlafen und wachen oder auch eines deiner baby-bücher eine entscheidungshilfe sein. ein abwägen zwischen nutzen und kosten.

    ich finde die intention von nestling gut und wichtig.
    grundsätzlich ist es ohnehin sehr schwierig andere eltern für ihr handeln und ihre intentionen irgendwie zu (ver-/) oder zu beurteilen. denn wir wissen nichts über die hintergründe, über die beweggründe, über die geschichte oder über den weg, den diese eltern bereits gegangen sind.

    lg
    halitha

  2. Dani sagt:

    Liebe Nora, Danke – du schreibst mir wiedermal mitten aus dem Herz!

  3. Verena sagt:

    In meinen Augen absolut wahr! Ich mag es ganz und gar nicht über andere Eltern zu urteilen, ich finde das eine der größten Belastungen für junge Eltern. Ich finde auch die wahre Antwort darauf ist echte Anteilnahme und deutlich zu machen, dass man die Situation kennt und das Bedürfnis versteht.
    Psychologen raten in selben Atemzug übrigens, wenn man eine Mutter sieht, die ihr Kind anbrüllt oder gar schlägt auf die Mutter zuzugehen und sie zu fragen, ob sie Hilfe braucht. Das führe in den allermeisten Fällen zu dem wirklich angestrebten Ergebnis, dass das Kind (um das es nunmal letztlich nur geht!) geschützt wird.
    Diesen Eltern muss das gegeben werden, was sie ihren Kindern scheinbar verweigern um aus dem Teufelskreis einen Ausweg zu finden. Denn ich denke auch letztlich ist es Hilflosigkeit, Verzweiflung und Überforderung, die Eltern dazu bringen solche Programme in Erwägung zu ziehen. Und so wie das Kind Unterstützung braucht, brauchen es junge Eltern auch.

    Wirklich ganz meine Meinung Nora!

  4. Nestling sagt:

    Dieses Video basiert auf dem Text „Ein kleiner Selbstversuch“ aus dem Buch „Besucherritze“ von Eva Solmaz (http://besucherritze.npage.de/zum-buch/leseprobe-ein-kleiner-selbstversuch.html). Lies ihn doch bitte Nora, und dann wirst Du verstehen, dass es sich nicht um einen ernsthaften Vergleich mit einer Erwachsenen Person, sondern um einen Vorschlag mit Augenzwinkern handelt.
    Eva forderte außerdem in einem Gewinnspiel auf, diesen Text zu „verfilmen“ – das Video ist das Ergebnis.
    Unser Ende ist deswegen nicht heiter, weil wir auf die Ernsthaftigkeit solcher Schlaflernprogramme hinweisen wollten. Es sollte unter die Haut gehen.

    Mit meinem Artikel mache ich kein schlechtes Gewissen. Ich erkläre warum diese Programme für Kinder nicht gut sind, nicht mehr nicht weniger. Ich sage an keiner Stelle, dass Eltern die diese in Erwägung ziehen schlecht sind – ich verurteile sie nicht! Im Gegenteil, ich kann ihre Situation sogar sehr gut nachvollziehen und sehe nicht schlechte, sondern teils ausgepowerte, verzweifelte und/ oder schlecht aufgeklärte Eltern, die Hilfe suchen. Hier geht es nicht um grausame Eltern, sondern um die grausame Situation in dem das Kind steckt – und das nur damit es schlafen „lernt“.

    Und ich sehe es genau so wie Du. Es ist nicht fair zu sagen, Schlaflernprogramme sind schlecht und dann keine Alternativen anzubieten. Zum einen gibt es bereits zwei Artikel auf meiner Seite, denen man Anregungen entnehmen kann.
    http://www.nestling.org/der-traum-vom-durchschlafen/
    http://www.nestling.org/problemzone-familienbett-es-gibt-mehr-als-eine-losung/
    Zum anderen bin ich dabei noch mehr Artikel mit Lösungsvorschlägen zu verfassen, doch da ich beim Schreiben eine „One-Man-Show“ bin, dauert es manchmal ewig bis ich fertig bin.

    Zu guter letzt leisten wir keine Überzeugungsarbeit (wie Du schreibst), sondern Aufklärungsarbeit. Es ist mir klar, dass die Menschen, die vom Ferbern überzeugt sind oder es durchgezogen haben, nur müde über unser Video lächeln oder sich lustig machen. Es geht mir vielmehr um all die Mütter, die verzweifelt sind und spüren dass es falsch ist, es aber machen, weil Oma, Opa, Nachbar, Hebamme oder wer auch immer sagt, es müsse so sein. Wenn wir auch nur einen Bruchteil dieser Mütter in Deutschland erreichen, dann werden zumindest ein paar Kinder vor diesem Schicksal bewahrt.

    Dann können sich mehr Kinder in den Armen ihrer Mütter beruhigen, als ich das je persönlich hinbekäme. Denn Dein Vorschlag auf die Kinder verzweifelter Mütter aufzupassen klingt in der Theorie zwar gut, ist jedoch für mich nicht umsetzbar, weil mein eigenes Kind mich nachts noch braucht. Deswegen arbeite ich an weiteren Artikeln in der Hoffnung, dass Mütter sich letztendlich doch trauen auf ihr Gefühl UND ihr Kind statt auf vermeintliche Experten zu hören.

  5. Thomas aus EF sagt:

    So viel blabla-Text für eine so einfache Frage. Was hilft gegen Schlaflernprogramme? Hirn für die Eltern. Die Menschen (egal wie klein) wissen wenigstens in den frühen Jahren der Existenz was zu tun ist. Ich habe für meinen Teil noch nie von einem Schlaflernprogramm gehört, mein Kind schläft ohne dies seit knapp 10 Jahren… was muss man eigentlich im Internet suchen müssen um Schlaflernprogramme zu finden?

    Thomas

  6. Nora Imlau sagt:

    Liebe Nestling,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich kenne Evas Buch doch, und ich kenne Deine Seite, und ich schätze sie sehr. Ich verstehe auch das Augenzwinkern dabei, natürlich.

    Ich habe mich einfach nur – ausgehend von der Tatsache, dass gerade dieses Video nun sehr viel geteilt wird, oft mit Kommentaren wie „Das sollte man mit diesen grausamen Ferber-Eltern mal machen“ – kritisch damit auseinander gesetzt, ob so ein missionarischer Ansatz in diesem Punkt hilfreich ist. Ich kritisiere nicht Euer Video, sondern die Intention, mit der es geteilt wird. Wenn man sich in den einschlägigen Foren und Facebook-Gruppen umsieht, wurde immer wieder auf die Frage „Wie kann ich XY nur davon abhalten, ein Schlaflernprogramm durchzuführen?“ geantwortet: „Zeig ihnen doch das Video – wer danach immer noch ferbert, hat kein Herz.“ DAS finde ich problematisch, und außerdem glaube ich das nicht.

    Ich schätze Deine Arbeit sehr und habe nie behauptet, dass Du Überzeugungsarbeit leisten würdest. Aber ich sehe es so, dass Menschen, die solche Informationen ausdrucken und ungefragt verzweifelten Eltern überreichen mit der Bitte, sich doch einmal damit auseinanderzusetzen, was sie ihren Kindern da antun, eine Grenze überschreiten. Unterstützung ist okay. Missionierung nicht.

    Das ist der ganze Punkt, und Dein – erfolgreiches und toll gemachtes – Video habe ich als Aufhänger genommen, um diesen Trend zum Missionieren zu kommentieren. Bitte fühle Dich davon nicht angegriffen. Wir ziehen doch alle am selben Strang, Du, Eva und ich. Ich finde einfach nur, wer sich zu Schlaflernprogrammen äußert, muss dabei sehr sensibel sein, die Verzweiflung der Eltern nicht aus dem Blick verlieren und Alternativen anbieten. Aber da sind wir uns ja einig.

    Herzliche Grüße
    Deine Nora

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