Nora Imlau und ihre Töchter

Stillen – alles easy?

Aus nostalgischen Gründen: Meine erste große Geschichte für die ELTERN, in der ich über den schwierigen Stillstart mit Linnea erzähle – und wie wir da gut rausgefunden haben. :)

Wovor ich in der Schwangerschaft Angst hatte? Wehen, Baby-Blues, Dehnungsstreifen auf dem Bauch. Wovor ich keine Angst hatte: Stillen. Warum auch? Ist doch die natürlichste Sache der Welt.

Außerdem bin ich bestens vorbereitet: Seit Tagen keinen BH mehr getragen, zur sanften Abhärtung der Brüste. Gelesen, dass in Sachen Muttermilch die Nachfrage das Angebot regelt und dass ich deswegen keinerlei Bedenken haben muss, mein Baby nicht satt zu kriegen. Stillfreundliche Hebamme im Rücken, mit der schon abgesprochen ist: Gleich nach der Geburt soll die Kleine an die Brust. Und: Ich habe viel Geld in ein Stillkissen investiert, das absoluten Still-Komfort für Mutter und Kind verspricht. Was kann da noch schief gehen?

Eine Menge. Denn obwohl meine Hebamme mir genau zeigt, wie ich die Kleine anlegen muss, und Linnea brav mit Fischmündchen trinkt, ist es erst mal – ziemlich scheußlich. Der „leichte Ansaugschmerz“, von dem ich gelesen habe, fühlt sich in etwa so an, als würde jemand meine Brustwarzen tackern. Mehr als einmal kontrolliere ich: Hat Linnea vielleicht doch schon Zähne, mit denen sie mich heimlich beißt?

Stillen wird zur Kissenschlacht

Irgendwie hatte ich mir das zu leicht vorgestellt. Kind zur Brust nehmen, und los. Von wegen: Das Anlegen allein ist eine hochkomplizierte Kunst. Erst mal die Reihenfolge: rechts, links, links, rechts, rechts, links. Und: Ich soll in möglichst unterschiedlichen Positionen stillen, sagt die Hebamme. Um zu verhindern, dass ich eine Brustentzündung kriege.

Ich gebe mein Bestes. Stille Linnea von der Seite, von vorn und von hinten im sogenannten Fußballergriff. Und immer mit Stillkissen! Ich komme mir so blöd vor: fuchtelndes Baby in der einen Hand, riesige Stoffwurst in der anderen. Wurst in Position ruckeln, Kind drauf, Kind fixieren, Wurst fixieren, und woher nehme ich nun die Hand, um ihm vorsichtig die Brustwarze in den Mund zu legen?

So spielen sich nachts abenteuerliche Szenen in unserem Bett ab: Linnea wacht auf und hat Hunger. Ich beginne mit der komplizierten Stillkissen-Konstruktion – Malte ist dafür zuständig, mir Linnea millimetergenau passend anzureichen. Die ist mittlerweile so hungrig, dass sie wild mit den Ärmchen fuchtelt und verzweifelt alles ansaugt, was ihr vor den Mund kommt. Autsch! Wirklich wie ein kleiner Vampir. Schnell sind die Brustwarzen wund. Jedes Mal, wenn Linnea zu trinken anfängt, zerquetsche ich Maltes Hand. „Fühlt sich fast wie Wehen an“, meint er. Ja, verdammt!

Durchhalteparolen

Alles tut weh: jede Umarmung, jedes Abtrocknen nach dem Duschen. Mein Nacken ist steif, mein Rücken schmerzt. Der Grund: Ich bin jedes Mal so froh, wenn Linnea endlich richtig anliegt, dass ich regungslos und verkrampft verharre, bis sie fertig ist. In jeder noch so unmöglichen Position.

Klar weiß ich, dass ich das nicht machen soll. Aber mein Ehrgeiz, Deutschlands neue Superstillende zu werden, geht gegen Null. Ich will einfach nur, dass mein Kind trinkt! Und zwar aus meiner Brust und nicht aus dem Fläschchen, immer noch und trotz allem.

Zum Glück hab ich trotz des Rundum-Sorglos-Gefühls in der Schwangerschaft ein bisschen was zum Thema Stillen gelesen. Hängen geblieben ist: Jede Frau kann stillen. Und: Still-Probleme sind lösbar. Also: Auf in den Kampf!

Es gibt nichts – außer der Brust!

Der wichtigste Tipp kommt von meiner Hebamme: jetzt bloß kein Fläschchen ins Haus! Nicht zufüttern, nicht abpumpen: Jedes Stillen mit einer Praline belohnen – und weitermachen. Sie zeigt auf die Speckröllchen, die sich langsam an Linneas Ärmchen bilden: „Jedes Gramm von dir!“ Das hilft mir, durchzuhalten.

Ich probiere sämtliche Hausmittel: Heilwolle und Retterspitz-Umschläge, Tiefkühlerbsen, Quark, Schwarzteebeutel und Wolle-Seide-Stilleinlagen. Alle von Hunderten Frauen als wirkungsvoll empfunden. Und bei mir einfach nur sensationell wirkungslos. Frustrierend!

In meiner Not rufe ich meine Freundin Peggy an, die auch Hebamme ist und gerade ihr zweites Kind stillt. Was tun, wenn gar nichts mehr geht? Ihr Tipp: Stillhütchen. „Dass die Brust einfach mal drunter abheilen kann. Eine Wohltat, du wirst sehen!“ Hoffnungsvoll marschiere ich zur Apotheke und erstehe die löchrigen Plastiknoppen. Das Ergebnis: Doppel-Autsch! Die wunde Haut scheuert von innen gegen das Plastik. Das ist ja noch schlimmer als ohne!

Zurück auf Anfang

Manchmal beobachte ich mein schlafendes Baby. Und denke nicht: „Wie süß!“ Sondern: „Wach bitte noch nicht wieder auf! Ich kann nicht schon wieder stillen“. Aber Linnea wacht auf. Und ich stille, weil ich es muss, und weil ich es will – im Prinzip. Wenn es nur nicht so wehtun würde.

Einmal kommt meine Mutter zu Besuch. Sie fand Stillen super easy. Und staunt dementsprechend: Stillprobleme? Gibt’s so was? Lass mal sehen, wie du das machst. Also schleppe ich mein Stillkissen an. „Was willst du denn mit dieser Wurst? So hast du doch gar kein Gefühl für dein Kind!“ Und als ich Linnea die Brustwarze in den Mund legen will, meint sie: „Lass sie das doch machen – sie kann das allein!“ „Kann sie nicht“, sage ich. „Und stillen ohne Stillkissen kann ich nicht.“

Meine Mutter besteht darauf, dass ich es ausprobiere. Back to Basics: einfacher Wiegegriff. Linnea liegt auf meinem Arm, das Köpfchen in der Ellenbeuge, und schaut mich erwartungsvoll an. Ich ziehe sie an mich ran und – sie trinkt. Ohne Stützen, ohne Hilfsmittel. Weh tut es immer noch, aber zum ersten Mal seit der Geburt habe ich das Gefühl: Hey, ich kann stillen. Ohne Wurst, überall. Im Café, im Park, notfalls im Bus. Ich bin frei. Endlich wieder in die Stadt gehen ohne die Angst, mit einem brüllenden Kind nach Hause rasen zu müssen!

Eine Kur für die Brustwarzen

Von da an kann ich Linnea immer sofort anlegen, wenn sie Hunger hat. Was für eine Erleichterung! Nach jedem Stillen (immer noch mit Pralinen-Belohnung) schmiere ich die kaputten Brustwarzen ganz dünn mit Wundsalbe ein. Das steht zwar in keinem Still-Buch, hilft aber trotzdem. Und: Weil ich festgestellt habe, dass die Schmerzen nach einer Viertelstunde trinken schlimmer werden, setze ich Linnea ein Zeitlimit. Nach 15 Minuten muss sie an die andere Brust. Notfalls tausche ich zwei-, dreimal.

Stillen macht Spaß!

Und, ganz langsam, werden die Schmerzen immer weniger, bis sie irgendwann ganz weg sind. Wahnsinn: Linnea und ich – das eingespielte Still-Team! Es ist einfach nur schön. Wie sie strahlt, wenn ich das T-Shirt hochschiebe! Wie sie erwartungsvoll das Mündchen öffnet! Wie niedlich sie schmatzt! Wie sie mit ihrer Hand beim Trinken nach meiner sucht, um sich festzuhalten! Wie sie mich selig und satt anlächelt, während ihr der letzte Schluck Milch aus den Mundwinkeln rinnt! Das alles hatte ich vorher gar nicht gemerkt. Sie so zu sehen, macht mich glücklich. Ich bin stolz, damals nicht hingeschmissen zu haben (obwohl ich mittlerweile jede Frau verstehe, die’s tut).

Ich beherrsche exakt zwei Stillpositionen: im Sitzen und im Liegen. Tagsüber stille ich in der einen, nachts in der anderen Position. Ich denke nicht darüber nach, an welcher Brust sie zuletzt getrunken hat. Eine Brustentzündung hab ich trotzdem nicht bekommen. Dafür von Malte den goldenen Stillorden am Bande für ausgesprochene Tapferkeit.

Abstillen? Das hat noch Zeit

Am Wochenende besuche ich meine Freundin Nadine. Sie ist im siebten Monat schwanger. Und hat Angst vor: Wehen, Baby-Blues, Dehnungsstreifen auf dem Bauch. Zum Stillen sagt sie: Wird schon klappen. Und mit einem Blick auf Linnea: Sieht man ja bei dir. Wenn du wüsstest, denke ich. Und überlege: Soll ich ihr erzählen, was das für ein Kampf war bis hierhin? Ich will ihr ja keine Angst machen. Und: Kann doch gut sein, dass es bei ihr tatsächlich gleich super läuft – ich kenne genug Frauen, bei denen das so war.

„Na klar wird das klappen“, sag ich also nur. „Und wenn nicht sofort, dann ein bisschen später. Versprich mir, dass du mich anrufst, wenn’s Probleme gibt. Und keine Fläschchen kaufen!“

Bald wird Linnea ein halbes Jahr alt. Sechs Monate voll stillen, war mein eisernes Ziel in der ersten schwierigen Zeit. Bis dahin – und keinen Tag länger! Dachte ich damals. Und jetzt? Kein Gedanke ans Abstillen. Linnea darf an die Brust, solange sie es braucht. Ich hoffe, noch eine ganze Weile.

 

Veröffentlicht unter Arbeitsproben | Verschlagwortet mit , , , , , , ,

Kommentare sind geschlossen.