Nora Imlau und ihre Töchter

Was ich von Annette Kast-Zahn übers Ferbern gelernt habe

Ich bin seit sieben Jahren Mutter. Und seit sieben Jahren Journalistin und Autorin, die sich für einen liebevollen, bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern stark macht. Dazu gehört, dass ich mich dafür ausspreche, feinfühlig auf die Signale unserer Babys zu reagieren und ihnen die Nähe zu geben, die sie brauchen: Beim Stillen oder beim liebevollen Füttern mit der Flasche. Beim Tragen, beim Kuscheln, beim Wiegen, und beim Einschlafen sowieso. Ich beziehe Position gegen das furchtbare Bild vom Kind als kleinen Haustyrannen, das durch Konsequenz und Strenge auf den rechten Weg gebracht werden muss, und ermutige Eltern, die Angst vor dem Verwöhnen einfach über Bord zu werfen und darauf zu vertrauen, dass ihr Kind gerade dann groß und stark und selbstständig wird, wenn es auch klein und schwach und schutzbedürftig sein darf.

Menschenkinder, davon bin ich überzeugt, kommen mit der inneren Erwartung zur Welt, geborgen und geliebt groß werden zu dürfen. Tun sie das, kommt alles andere von ganz allein: Das Abnabeln, das Großwerden, das Hinausziehen in die Welt in dem tiefen Vertrauen, dass es da einen sicheren Hafen gibt, in den sie immer zurückkehren können.

In den sieben Jahren, die ich nun Mutter und Journalistin bin, habe ich mich immer wieder intensiv mit so genannten Schlaflernprogrammen auseinander gesetzt. Mein Mutterherz hat sie schon immer abgelehnt. Ich fand die Vorstellung einfach widerwärtig, ein kleines Baby, das nach Nähe ruft, zu ignorieren und ihm die Geborgenheit, die es zum Einschlafen braucht, zu verwehren. Wenn eine Schlafsituation so verfahren ist, dass sich etwas ändern muss, so denke ich, gibt es mindestens in 99,99 Prozent der Fälle eine andere, liebevollere, sanftere Lösung, sie so zu verändern, dass sie für alle Familienmitglieder wieder tragbar ist. Als Autorin und Journalistin war es mir ein Anliegen, diese intuitive innere Abwehr gegen Schlaflernprogramme auf fundierte, sachliche Füße zu stellen. Und so führte ich in den vergangenen Jahren viele Interviews mit Experten, die mir erklärten, warum sie gegen Schlaflernprogramme sind. Auszüge aus diesen Interviews sind - gemeinsam mit Statements anderer Experten – heute in der Broschüre von Sibylle Lüpold mit dem schönen Titel „Kinder brauchen uns auch nachts“ versammelt.

Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Interview zum Thema, mit Prof. Jürgen Zulley, einem so renommierten Experten in Sachen Schlaf, dass er in den Medien gern „der deutsche Schlaf-Papst“ genannt wird. Vor dem Gespräch wusste ich nicht, wie er zu Schlaflernprogrammen steht, und so schlug mir bei der Frage danach das Herz bis zum Hals. Und dann sagte Zulley: „Viele Babys und Kleinkinder können nicht alleine einschlafen, sie brauchen dazu die Nähe der Eltern – ich halte es für falsch, ihnen dieses gesunde Bedürfnis abtrainieren zu wollen.“ Ich jubilierte – endlich hatte ich einen Kronzeugen für meine Überzeugung. In den folgenden Jahren interviewte ich Prof. Gerald Hüther, der mir erklärte, warum Kinder unter Stress nichts lernen können, und schlafen schon gar nicht, sowie den wunderbaren Kinderarzt und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster, der mir darlegte, dass kleine Kinder noch heute nach denselben Schutzbedingungen streben, wie sie für Babys vor vielen tausend Jahren wichtig waren. Alleine einzuschlafen war zu dieser Zeit nichts anderes als lebensgefährlich – kein Wunder, dass sich noch heute die meisten Babys mit aller Macht dagegen wehren.

Jahre gingen ins Land, ich schrieb viele Artikel zum Thema Schlafen und außerdem zwei Bücher, in denen ich auf die vielen Vorteile des Familienbetts verweise, für liebevolles Einschlafbegleiten plädiere und Schlaflernprogramme scharf verurteile. Auch in der Zeitschrift ELTERN, für die ich als freie Redakteurin arbeite, war nun immer häufiger von sanften Schlaflösungen die Rede, die die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berücksichtigen. Familienbetten und Beistellbettchen kamen ganz selbstverständlich in jeder Schlaf-Geschichte vor, es wurde auf das angeborene Bedürfnis nach Nähe verwiesen und vom Schreienlassen abgeraten. Vieles war in Bewegung gekommen, nur eins war noch nicht passiert: Ich hatte noch nie das direkte Gespräch mit der Frau gesucht, deren Namen mit dem Thema Schlaflernprogramme im deutschsprachigen Raum untrennbar verbunden ist: Annette Kast-Zahn, Diplompsychologin und Autorin von „Jedes Kind kann schlafen lernen“.

Als dann auch noch eine Petition gegen die Neuauflage ihres Schlaflernbuchs durchs Internet rauschte und binnen kürzester Zeit über 5000 Unterschriften gegen die Veröffentlichung des Werks zusammen kamen, befanden wir von der ELTERN, nun sei es wirklich mal Zeit für ein persönliches, kritisches Interview mit der Autorin des umstrittenen Schlaflernbuchs. Und ich sollte es führen. Ich war sehr aufgeregt im Vorfeld, und bereitete mich akribisch vor. Ich hatte alles dabei: Herbert Renz-Polsters „Kinder verstehen“ und Margot Sunderlands „Die neue Elternschule“, in der die Leiterin des Centre for Child Mental Health, London, eindringlich vor Schlaflernprogrammen warnt und erklärt welche dramatischen Auswirkungen diese auf die noch unreifen Gehirnstrukturen kleiner Kinder haben können. Zitate von Schlafforschern, Hirnforschern, Psychologen und Psychiatern, die sich gegen Schlaftrainings aussprechen.

Und dann unterhielten wir uns, Frau Kast-Zahn und ich, in ihrer liebevoll eingerichteten Praxis bei Tee und Keksen, und ich merkte: Über Schlaflernprogramme zu diskutieren ist noch viel schwieriger, als ich mir das je erträumt hätte. Denn natürlich hatte auch Frau Kast-Zahn sich vorbereitet und hatte Studien dabei, die genau das Gegenteil von meiner Überzeugung belegen sollten: Dass Schlaflernprogramme ein adäquates Mittel seien im Umgang mit Kindern, die auch im Alter von einem halben Jahr noch nicht alleine ein- und durchschlafen. Und seit sie und ich unsere Argumente ausgetauscht haben, denke ich tatsächlich etwas anders über Schlaflernprogramme als vorher.

Denn: Wer die Argumente von Frau Kast-Zahn und anderen Schlaflernprogramm-Befürwortern einfach wegwischt mit der Begründung, dass diese doch schon längst wissenschaftlich widerlegt seien, macht es sich zu leicht. Denn auch wenn es Schlaflernprogramm-Kritikern wie mir und vielen meiner Leserinnen und Leser nicht gefallen mag, in diesem Punkt hatte Frau Kast-Zahn schlicht recht: Es gibt keine einzige Studie, die nachteilige Langzeitwirkungen von Schlaflernprogrammen auf die kindliche Psyche oder die Eltern-Kind-Bindung nachweisen würde. Ich schwöre: Ich habe mir die Finger wund gesucht danach. Es gibt sie nicht. Es gibt keinen Beweis, dass Schlaflernprogramme schaden. Auch wenn man im Internet immer wieder Gegenteiliges liest.

Was es gibt, das sind Wissenschaftler, die aus guten Gründen davon abraten. Pädagogen, Psychologen, Kinderärzte, Hirnforscher, Bindungsforscher, die aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit heraus ableiten, dass Schlaflernprogramme nicht kindgerecht und potentiell schädlich sind. Sie sind wertvolle Kronzeugen, keine Frage. Aber: Auch die Aussage eines Professor Zulley oder eines Dr. Herbert Renz-Polster sind kein wissenschaftlicher Beleg.

Denn, so traurig das auch sein mag: Es wäre ein Leichtes für Schlafprogramm-Befürworter, eine ähnliche Broschüre wie Sibylle Lüpolds „Kinder brauchen uns auch nachts“, nur andersrum herauszubringen. 20 Statements von Kinderärzten, Hebammen, Psychologen und Schlafforschern, die sich für Schlaflerntrainings aussprechen? Kein Problem, wenn ich wollte, hätte ich die binnen einer Woche zusammen. Und alleine diese Tatsache zeigt: Es ist gut und wertvoll und wichtig, dass es solche Broschüren gibt. Aber ein Beweis für die Schädlichkeit von Schlaflernprogrammen sind sie nicht.

Viele meiner Leserinnen und Leser haben in den vergangenen Tagen nach dem Erscheinen des Interview in der ELTERN nun argumentiert, dass die Forderung von Frau Kast-Zahn nach Studien, die die Schädlichkeit von Schlaflernprogrammen belegen, völlig widersinning sei – weil schließlich keine Ethikkommission der Welt eine Studie zulassen würde, in der fünftausend Babys schreien gelassen werden und fünftausend nicht, und am Ende guckt man, ob die fünftausend geferberten Babys Schäden davon getragen haben oder nicht. Doch auch wenn es sicher richtig ist, dass solche Studien zum Glück nicht durchgeführt werden dürfen, gibt es sehr wohl wissenschaftliche und auch in anerkannten Fachmagazinen veröffentlichte Studien, die sich mit den Auswirkungen des Ferberns beschäftigen. Denn auch wenn man keine Babys extra für eine Studie schreien lässt, ist es ja nicht so schwierig, im Nachhinein eine geeignet große Gruppe von Kindern zu finden, die als Babys geferbert wurden – und diese mit einer Gruppe von Kindern zu vergleichen, die nicht geferbert worden sind. Genau das ist in einer US-amerikanischen Studie von Prica, Wake et al passiert, und das Ergebnis war, dass schlaftrainierte Kinder sich weder in ihrem Bindungs- noch in ihrem Sozialverhalten von nicht schlaftrainierten Kindern unterscheiden. Ja, es gibt sogar eine Studie, die einen positiven Effekt von Schlaftrainings auf die Mutter-Kind-Interaktion nachgewiesen hat.

Natürlich könnten wir uns jetzt hinstellen und sagen: Das glaube ich nicht. Und damit genau das tun, was viele Schlaftrainings-Kritiker den Befürwortern vorwerfen: Wissenschaftliche Erkenntnisse einfach zu ignorieren und stur weiter die eigene Überzeugung zu vertreten. Aus meiner Sicht ist das kein zielführender Weg. Stattdessen habe ich, als Mutter und Journalistin, im Gespräch mit Frau Kast-Zahn vor allem eins gelernt: Es gibt Themen, da führen uns wissenschaftliche Argumente nicht weiter. Weil es eigentlich um eine ethische Frage geht, und die lautet: Kann es okay sein, ein hilfloses, von mir zu 100 Prozent abhängiges Wesen weinen zu lassen, wenn ich ihm ganz leicht helfen könnte?

Klar werden Schlaftraining-Fans auch diese Beschreibung anzweifeln und argumentieren, das Kleine sei doch gar nicht wirklich allein, und auch nicht wirklich verzweifelt. Aber wie sich ein Baby fühlt, das alleine in seinem Bettchen liegt, das kann keine Studie der Welt herausfinden. Zum Glück, könnte man sogar sagen, denn so kann niemand auch nur versuchen, zu widerlegen, was für tausende Mütter und Väter auf der Welt schlicht unverhandelbar ist: Dass aus dem Schreien eines Babys, das alleine in seinem Bettchen liegt, die Angst und Verzweiflung der ganzen Welt zum Ausdruck zu kommen scheint. So durchdringend, so tiefgehend, so existenziell hilfesuchend klingt dieses Schreien. Jeder, der ein Herz im Leib hat, spürt angesichts dieses Weinens den Impuls, das Kleine da sofort raus und auf den Arm zu nehmen. Und unzählige Eltern, die sich bereits an so genannten Schlaftrainings versucht haben, werden bestätigen, dass es sie innerlich beinahe zerrissen hat bei dem Versuch, diesem Impuls nicht nachzugeben, sondern ihr Baby für eine bestimmte Minutenzahl alleine weinen zu lassen.

Was ich aus meinem Gespräch mit Frau Kast-Zahn also vor allem gelernt habe, ist das hier: Schlaflernprogramm-Befürworter sind von der Richtigkeit ihrer Argumente genauso überzeugt wie Schlaflernprogramm-Kritiker. Auf der Ebene von Studien lässt sich die Frage, was nun in Sachen Schlaflernprogramme richtig und was falsch ist, deshalb nicht wirklich beantworten – all der prominenten Schlafprogramm-Gegner und ihrer guten Argumente zum Trotz. Anstatt Müttern und Vätern, die mit einem Schlaflernprogramm liebäugeln, also die schrecklichen Folgeschäden entgegen zu schmettern, von denen wir im Internet gelesen haben, sagen wir ihnen also doch lieber den wahren Grund, warum für uns ein Schlaflernprogramme für uns nie in Frage kämen:

Weil sie suggerieren, es wäre eine gute Sache, nicht auf die Signale unseres Babys zu reagieren. Weil sie uns dazu zwingen, unser Kind, das sich zu 100 Prozent auf uns verlässt, in einer Stresssituation immer wieder alleine zu lassen. Weil Eltern während eines Schlaflernprogramms sehen, wie schlecht es ihrem Kind gerade geht – und kein Mitleid zulassen dürfen, um nicht den Erfolg des Programms zu gefährden. Kurz: Selbst wenn tausend Studien die Unbedenklichkeit von Schlaflernprogrammen belegen würden, es bliebe trotzdem ganz großer Mist, sie anzuwenden – außer in jenen wirklich seltenen Situationen, in denen Eltern kurz davor stehen, ihre Kinder an die Wand zu klatschen von lauter Wut und Frust über die eigene Schlafsituation.

In solchen Momenten gilt das „Pest oder Cholera?“-Prinzip: Wo es keine gute Lösung mehr gibt, weil die Situation schon so verfahren ist, kann auch eine ganz und gar nicht gute Lösung noch die bestmögliche Lösung sein.

Vor allem aber können alle, die Schlaflernprogrammen kritisch gegenüberstehen, sich seit der Veröffentlichung meines Interviews mit Frau Kast-Zahn freuen, dass sie mit dieser Haltung nicht alleine sind, sondern dass sich auch die Redaktion der größten deutschsprachigen Elternzeitschrift klar gegen Schlaflernprogramme positioniert. Denn der wichtigste Satz dieses Interviews ist aus meiner ganz persönlichen Sicht dieser hier:

„Wir von der ELTERN-Redaktion haben unsere Meinung zu Schlaflernprogrammen in den vergangenen Jahren geändert: Wir haben sie früher durchaus als Rettungsanker für übermüdete Eltern empfohlen, heute raten wir, einen Kompromiss zwischen den Schlafbedürfnissen aller Familienmitglieder zu finden – ohne dem Baby den Stress eines Schlaflernprogramms zuzumuten.“

 

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16 Kommentare zu “Was ich von Annette Kast-Zahn übers Ferbern gelernt habe”

  1. [...] Ihre Sicht noch einmal klar darzulegen auf meinem Blog. Heute hat sie mir daher angeboten, ihren neuen Artikel hier direkt als Gastbeitrag einzubinden. Vielen Dank an Nora Imlau für dieses [...]

  2. Nadine sagt:

    Liebe Frau Imlau,

    ich danke Ihnen für diesen wunderbaren Text! Ich finde es toll, dass Sie beide Seiten betrachten, sowohl die Argumente der Gegener als auch der Befürworter beleuchten.
    Sowohl beruflich als auch privat werde ich immer mit dem Thema Schlaf und Schlaflernprogramme konfrontiert. Ich werde Ihren Text demnächst immer im Hinterkopf haben und kann auf ihn verweisen. Und ich hoffe, dass Ihre gezogenen Rückschlüsse, u.a. dass Schlaflernprogramme wirklich nur einer der letzten Wege für verzweifelte Eltern, zum Schutz des Kindes, sein sollte, nachvollzogen und angenommen werden können.

    Viele Grüße
    Nadine K.

  3. Ahlke sagt:

    Ein super Artikel, liebe Nora!

  4. kaddi sagt:

    Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich als Baby in meinem Bett lag, Angst hatte, allein war, nicht schlafen konnte, ich weinte … doch es kam niemand.

    Unter anderem dieses Verhalten hat tiefe Wunden hinterlassen.

  5. Tesoro sagt:

    Das habe ich schon als mein großer noch ganz klein war fast wortwörtlich zu einer (zweifelnden) Bekannten gesagt: „Klar funktioniert es! Das ist klassisches Konditionieren. Dass es funktioniert ist seit Pawlow kein Geheimnis mehr. Die Frage ist eine ethische: Wie gehe ich mit einem hilflosen, mir anvertrauten und mir (gewzungenermaßen) vertrauenden Wesen um?“

    Das Gespräch ist mir noch so sehr in Erinnerung. Und hier lese ich genau das.

  6. taneesha sagt:

    Ich glaube schon, dass ein Schlaftraining bleibende Schäden hinterlässxt. Allerdings nicht bei den Kindern, sondern bei den Eltern. Diesen wird Schaden zugefügt, weil sie gegen ihren Instinkt handeln und ihr Kin in der Stressituation allein lassen müssen.
    Wir sollten uns also auch um unseretwillen überlegen, ob wir wirklich müde genug sind, unsere eigene Integrität anzugreifen und uns von unseren Werten abzuwenden.

  7. Yvonne sagt:

    Danke für diese Worte!!!
    Endlich mal jemand, der sich mit beiden Seiten auseinandersetzt und nicht nur schwarz oder weiß sieht.
    Ich befürworte diese Art von Schlafprogrammen auch nicht, aber genauso wenig verachte ich Vegetarier und versuche sie mit Angriffen und Argumenten zum Fleischessen zu bewegen… ;)

  8. Michaela sagt:

    Ein guter, sachlicher und ausgewogener Artikel; hilft, seine Meinung zu dem Thema zu überdenken – und ggf. zu bestätigen – Schlaflernprogramme sind schlecht, weil sie sich für MICH als Mama schlecht anfühlen. Immer wieder überkommen mich Zweifel, ob es nicht doch besser wäre, härter zu sein und immer wieder entscheide ich mich dagegen, weil ich einfach das GEFÜHL habe, dass mein Kind und ich selbst viel zu sehr leiden müssten, nur damit mein Kind jetzt (mit 3 Jahre) „alleine“ einschläft und schläft… Da suche ich lieber Kompromisse und andere Lösungen, die für uns alle ok sind.

  9. Dorothee Schmitz sagt:

    Toll argumentiert! Ein wirklich lesenswertes und entkrampfendes Pro-Kontra, liebe Nora. :-) Weiter so!

  10. Peter sagt:

    Wie wir alle wissen, gibt es zu allem mindestens zwei Seiten. Und für eine Auseinandersetzung ist das natürlich wichtig, da es die Gleiche ja sonst nicht geben würde.
    So viel zur Darstellung der beiden unterschiedlichen Perspektiven.
    Was mir, als Vater von zwei Kindern, in dieser Diskussion immer fehlt, sind die führenden Gründe, die Eltern ein „Schlaflernprogramm“ (alleine diese Bezeichnung ist despektierlich) durchführen lassen:
    1. Eine Frage, die ständig gestellt wird, sobald man Eltern ist, lautet: „Und, schläft es schon durch?“ Es nervt, verunsichert, kotzt an, ist letztendlich dumm. Kaum ein Mensch, egal welchen alters schläft durch. Aber die Eltern sind verunsichert.
    2. Die Eltern wollen ihre Zeit für sich und da passt dann eben irgendwann am Tag/Abend kein Kind mehr. Dann frage ich mich jedesmal, warum diese Menschen überhaupt Eltern geworden sind, bzw. sich für das Kind entschieden haben.
    Darüber hinaus ist es mir unbegreiflich, wie eine Mutter (Ich spreche bewusst nur von der Mutter) es aushalten kann, ihr kleines Kind schreien zu lassen. Und wenn das Programm durch ein Aufgeben gefährdet wird, dann ist das eben so oder hat sich die Natur mit dem Herzrasen, dem Schweißausbruch, dem Adrenalinsusstoss etc. der Mutter in solch einer Situation einen Scherz erlaubt? Die Frage darf sich jeder selbst beantworten.
    Und wenn es unsere Welt nötig hat, dass Kinder (gewollt) geboren werden, um sie so schnell wie möglich still zu bekommen, in die Krippe zu geben und und und, dann ist dies traurig genug. Aber wir können es uns ja leisten.

  11. E. F. sagt:

    @Yvonne: Der Vergleich mit den Vegetariern hinkt meines Erachtens ein bisschen. Da geht es darum, dass ich zuvorderst über mein eigenes Verhalten entscheide, hier ist aber direkt ein anderer (hilfloser) Mensch betroffen, ich entscheide über ihn, entscheide, was er ertragen muss.

    Ansonsten: Es gibt sehr viele sozialwissenschaftliche und psychologische Fragestellungen, die sich wissenschaftlich nicht eindeutig beantworten lassen bzw. zu denen es Pro- und Contra-Argumente gibt.Und ich sage an dieser Stelle mal klischeehaft: Mit Statistiken und Studien kann man so ziemlich ALLES belegen, immer abhängig davon, was ich wie definiere und untersuche, welche Kriterien ich auswähle und wie ich diese messe!

    Allein überzeugende Kriterien (Indikatoren) für eine „gute Mutter-Kind-Bindung“, „Mutterliebe“ oder die „Schädigung“ des Kindes zu finden, ist in praxi sehr schwer. So gesehen können Erwachsene, die geferbert wurden, und Mütter, die von Schlaflernprogrammen überzeugt sind, locker sagen: Das hat mir/meinem Baby überhaupt nicht geschadet, im Gegenteil …!

    Die Medien leben von kontroversen Diskussionen: Sind z.B. gewalthaltige Online-Spiele gefährlich oder harmlos bzw. sogar förderlich fürs Gehirn und soziale Einstellungen? usw. Letzten Endes, wenn wir ehrlich sind, ist das Ausschlaggebende etwas Emotionales, eine Frage der Ethik und Grundüberzeugung. Wenn ich nicht möchte, dass mein Kind stundenlang jeden Tag auf dem Bildschirm Menschen jagt und tötet, bin ich gegen die fraglichen Spiele. Wenn ich überzeugt bin, dass ich als Mutter für das Kind, das ich geboren habe, bedingungslos da sein sollte und es nicht länger schreien lassen darf, finde ich Schlaflernprogramme brutal.

    Ich schweife mal ab: Wer religiös oder nicht religiös ist, hat eine Grundeinstellung, ohne dass er die andere Seite mit wissenschaftlichen Beweisen endgültig überzeugen kann. Er glaubt fest an etwas. Und hofft, dass möglichst viele andere Menschen seinen Glauben teilen.

  12. [...] ich höre, wird über den Artikel einiges diskutiert. Und ich finde, man merkt dem Blog-Eintrag der ELTERN-Journalistin Nora Imlau (die das Interview geführt hat und übrigens ein tolles Buch [...]

  13. [...] Es gibt keine Studie, die belegt, das das ferbern schädlich für das Kind ist. Wie sollte man denn auch so eine Studie bei Babys ethisch begründen können? Allerdings wurden Studien bei Erwachsenen durchgeführt, die als Baby geferbert wurden und mit Erwachsenen verglichen, die nicht geferbert worden sind. Genau das ist in einer US-amerikanischen Studie von Prica, Wake et al passiert, und das Ergebnis war, dass schlaftrainierte Kinder sich weder in ihrem Bindungs- noch in ihrem Sozialverhalten von nicht schlaftrainierten Kindern unterscheiden. Ja, es gibt sogar eine Studie, die einen positiven Effekt von Schlaftrainings auf die Mutter-Kind-Interaktion nachgewiesen hat.(http://www.nora-imlau.de/2014/01/was-ich-von-annette-kast-zahn-ubers-ferbern-gelernt-habe/) [...]

  14. ich sagt:

    Um eine Studie zu beurteilen, müsste man doch erstmal den gesamten Aufbau und alle Daten kennen. Da kann ja jeder daherkommen und im Abstract behaupten, dass Schlafprogramme eine positive Auswirkung haben und dann aber sagen:“Aber wenn du sehen willst, wie genau ich meine Studie manipuliert habe, dann musst du 12 USD zahlen!“
    Traue keinem Abstract, den du nicht selbst gefälscht hast. ;)

  15. E.F. sagt:

    Liebe Nora Imlau,
    tun Sie mir doch den Gefallen und besorgen sich vielleicht mal die Studie, die positive Effekte von Schlaflernprogrammen zeigt, im Original. Diese Botschaft (es gebe positive Effekte) geht jetzt um die Welt, ich habe aber persönlich nach Lesen – leider nur – des Abstracts/der kurzen Zusammenfassung doch die Frage,ob man die Grundaussage nicht zumindest relativieren und präzisieren müsste. Es geht z.B. ausdrücklich um Kinder mit schweren Schlafstörungen(!) und um, Zitat, „play and feeding interactions with their mothers before and after an intervention program“ (?), da müsste man erst einmal schauen, ob man das als Beleg für die Mutter-Kind-Bindung versteht.

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