Nora Imlau und ihre Töchter

Keine Angst vorm Familienbett!

In den letzten Tagen haben mich mehrere Anfragen verunsicherter Eltern erreicht, die Artikel zur angeblichen Gefährlichkeit des Familienbetts in der Süddeutschen Zeitung oder auf Spiegel Online gelesen hatten. Leider wurde in beiden Artikeln versäumt, darauf hinzuweisen, wie es zu besagten Studienergebnissen kam – ich habe das mal für die Kollegen nachgeholt.

 

 

 

 

 

 

(Bildnachweis: Photocase: kRampF)

Es war einmal ein Kinderarzt, dem waren Babys im Elternbett ein Graus. Und wie redet man Müttern und Vätern einen intuitiv liebevollen Umgang mit ihrem Baby am leichtesten aus? Indem man ihnen Angst macht. Und so machte er sich unser Kinderarzt daran, zu beweisen, dass das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kindern hochgefährlich sei. Das erwies sich allerdings als gar nicht so einfach: Schließlich belegen viele Studien, dass Babys nirgendwo sicherer schlafen als in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern, sofern diese nicht rauchen.

Doch unser Kinderarzt hatte eine Idee: Er würde einfach seine eigene Studie machen! Gesagt, getan: Flugs sammelte er aus anderen Studien 745 Fälle des Plötzlichen Kindstods aus 15 verschiedenen Ländern heraus, verglich diese mit einer Kontrollgruppe von 2 411 Kindern, drehte und wendete die Daten noch ein wenig und kam zu dem Schluss, dass in den ersten sieben Wochen nach der Geburt das Risiko für den Plötzlichen Kindstod im Elternbett höher ist als im eigenen Bettchen, selbst wenn die Eltern keine Raucher sind. Ha! Das war der Beweis, nach dem unser Kinderarzt gesucht hatte. Stolz veröffentlichte er seine Ergebnisse im im Jahr 2004 medizinischen Fachjournal Lancet und schaute befriedigt zu, wie sich die Mitteilung über die Welt verbreitete: Co-Sleeping ist eben doch gefährlich! Und fortan konnte jeder, der Eltern das gemeinsame Schlafen mit ihrem Baby madig machen wollte, diese Studie zitieren. War das nicht schön?

In seiner Euphorie hatte unser Kinderarzt leider ganz vergessen, darauf hinzuweisen, dass seine Studie bei vielen seiner Kollegen nicht besonders gut ankam. Sie kritisierten die geringe Zahl der Kontrollkinder sowie die Tatsache, dass die Daten aus 15 Ländern miteinander verglichen wurden, ohne die genauen Umstände des Co-Sleeping in diesem Land zu klären. Denn, klar, für die Sicherheit des Co-Sleeping ist es von höchster Bedeutung, ob etwa ein Paar in Schweden sein Baby in ein Schlafsäckchen packt und sicher neben sich bettet, oder ob das Kleine in Rumänien mit der ganzen Großfamilie auf einem Schlafsofa nächtigt, weil die ganze Familie in nur einem Zimmer lebt. Doch solche Details befand unser Kinderarzt für unwichtig. Genauso wie die Tatsache, dass seine Studie ein Musterbeispiel für jeden Statistik-Grundkurs abgäbe, um zu zeigen, dass eine zu kleine Versuchsgruppe Ergebnisse grob verzerren kann. So fanden sich in der Kontrollgruppe unseres Kinderarztes kaum Babys, die im Familienbett schlafen durften – so konnte auf jeden Fall schon mal kein schützender Effekt des Familienbetts nachgewiesen werden.

Dafür lässt sich aus den Daten unseres Kinderarztes zweifelsohne ablesen, dass die Babys nicht verheirateter Paare ein signifikant höheres SIDS-Risiko haben als Babys verheirateteter Eltern. Ja: Kinder unverheirateter Eltern sind statistisch gesehen laut der Studie unseres Kinderarztes sogar noch gefährdeter als Babys rauchender Mütter im Familienbett. Was lernen wir daraus: Ein Trauschein ist ein größerer Schutzfaktor als ein eigenes Bettchen und eine rauchfreie Umgebung. Empfiehlt unser Kinderarzt nun also allen Eltern als erste Schutzmaßnahme für ihr Baby, schnellstmöglich zu heiraten, wenn das noch nicht geschehen ist? Nein, denn er weiß: Solche Ergebnisse kommen raus, wenn man zu kleine Versuchsgruppen untereinander vergleicht – und deshalb haben sie keine statistische Aussagekraft. Und genauso verhält es sich mit dem scheinbar erhöhten SIDS-Risiko im Familienbett in den ersten sieben Lebenswochen. Nur dass unser Kinderarzt das natürlich nicht sagt.

Jahre gehen ins Land. Und unser Kinderarzt wird immer verzweifelter. Denn obgleich sich viele Mediziner-Kollegen und -Verbände gerne auf seine kleine, fragwürdige Studie stützen und jungen Eltern vom gemeinsamen Schlafen mit ihrem Baby abraten, ist das Familienbett auf dem Vormarsch. Immer mehr Eltern entdecken, wie viel praktischer und schöner sie sich das Leben mit ihrem Baby machen können, wenn sie es einfach bei sich schlafen lassen, anstatt nachts zig mal aufzustehen. Rückenstärkung bekommen sie dabei von der WHO und von Unicef, die nach sorgfältiger Auswertung aller Studien zum Thema eine explizite Empfehlung zum gemeinsamen Schlafen von stillenden Müttern und ihren Babys ausspricht, sofern niemand im Familienbett Raucher und für eine sichere Schlafumgebung gesorgt ist. Die Studie unseres Kinderarztes, so die WHO und Unicef, sei so zweifelhaft in ihrem Aufbau und ihrer Auswertung, dass diese kein Abraten vom Familienbett rechtfertige. Und außerdem beweise selbst diese Studie einen eindeutig schützenden Effekt des Co-Sleeping ab der 22. Lebenswoche – also genau in der Zeit, in der die meisten Fälle des Plötzlichen Kindstods auftreten!

Unser Kinderarzt versteht die Welt nicht mehr: Jetzt wird sogar schon aus seiner eigenen Studie abgeleitet, dass das Familienbett okay ist. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Da muss eine neue Studie her – und zwar eine, die explizit belegen soll, dass auch unter den von der WHO und Unicef empfohlenen Bedingungen das gemeinsame Schlafen von Eltern und ihren Babys die große Gefahr darstellt. Wieder sammelt unser Kinderarzt Studien aus der ganzen Welt, wieder nimmt er es mit deren Auswertung nicht so genau: Ob ein Baby nun voll gestillt wird oder nur noch eine Mahlzeit an der Brust und ansonsten Fläschchen bekommt, ob ein Baby immer im Elternbett schläft oder nur ab und zu, ob die Kriterien für eine sichere Schlafumgebung erfüllt sind oder nicht – all das lässt er außer Acht. Er nimmt einfach nur die Daten irgendwie zumindest teilweise gestillter Babys her, die aus welchen Gründen auch immer – vielleicht waren sie krank? – die letzte Nacht ihres Lebens im Bett ihrer Eltern verbracht haben. Und kommt zu dem Schluss: Das Familienbett ist irre gefährlich, selbst für gestillte Babys nicht rauchender Eltern. Und wieder geht die Meldung um die Welt, und tausende Eltern werden vom natürlichsten auf der Welt abgeschreckt: Die Nächte an der Seite ihrer Babys verbringen, wie es wir Menschen seit Jahrtausenden getan haben.

 

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